Equalismus als gesellschaftliche Plattformneutralität (und ein bisschen Feminismus)

Dieser Text ist zu lang, ich weiß. Aber er ging leider nicht kürzer, denn er beschreibt meine doch etwas komplexere Auseinandersetzung mit Feminismus, Equalismus, Plattformneutralität und ihren Beziehungen zueinander. Für die Pause zwischendurch hat er aber ein paar hübsche Bilder… 

Das andere Geschlecht

Man wird nicht als Frau geboren, man wird es.

Dieser Gedanke von Beauvoir ist, soweit ich das übersehen kann, das geistige Fundament eines großen Teil des modernen feministischen Diskurses – wenngleich er von den vielfältigen Strömungen in unterschiedlicher Ausprägung aufgenommen wird.

Die Gegenposition dazu ist, Frau und Mann seien aus biologischen Gründen wesensverschieden, weshalb Männer und Frauen unterschiedliche Stärken hätten, die sie an unterschiedlichen Stellen der Gesellschaft einsetzen können.

Sicher, es gibt bestimmte Dinge, die lassen sich klar auf der biologischen Seite einordnen. Unterschiede in der Anatomie, im Hormonhaushalt, gewisse Unterschiede was die Ausprägung des Gehirnes angeht.

Was daraus aber folgt – und ob etwas daraus folgt – ist aber schon nicht mehr klar erkennbar, weil Sozialisation immer seine Finger mit im Spiel haben kann.

Und auf der anderen Seite gibt es Punkte, wo wir mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen können, dass es sich alleine um die Ergebnisse von Sozialisation handelt. Die Grenze dazwischen ist jedoch nebulös, sie entzieht sich unserer Erkenntnisfähigkeit und öffnet damit den nicht beweisbaren Erklärungsmodellen die Tür. Ich nenne ein nicht beweisbares Erklärungsmodell im Folgenden fundamentalistisch, weil es ein argumentatives Fundament einfach als gegeben definiert, ohne es zu belegen. Dabei verwende ich das Wort, ohne die pejorative Konnotation mitzumeinen, die dem Wort heute häufig beigelegt wird.

Ich liebe mein Geschlecht

Ich liebe mein Geschlecht, Steffi Reichert, cc-by-nc-nd 2.0

Die These von Beauvoir ist in diesem Sinne ein fundamentalistisches Erklärungsmodell. Frau wird zur Frau (was auch immer das konkret heißen mag) erzogen und geprägt, es geht um Sozialisation. Ein dem entgegengesetzes ebenso fundamentalistisches Erklärungsmodell ist das biologistische. Mann und Frau sind mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen qua genetischer Struktur ausgestattet, sind also – um willkürlich ein paar Klischees zu nehmen – besonders kommunikativ, emotional, rational, logisch, beherrscht, hysterisch, etc. Es geht im Kern um den alten Dualismus des Männlichen und des Weiblichen - vielleicht eine der ältesten sozialen Strukturen der Menschheit.

Ich habe eine Zeit lang mit der Hypothese gespielt, ein Sozialisations-Fundamentalismus sei immernoch besser als ein biologistischer. Immerhin wurde – auch völlig abseits des Geschlechter-Frage – mit biologistischen Weltbildern eine Menge Blutvergießen und Unrecht in der Menschheitsgeschichte gerechtfertigt. Und das Ausgehen von Sozialisation hält die Möglichkeit einer Änderung des jeweiligen Menschen offen, während eine biologistische Erklärung sie ausschließen muss.

Auf der anderen Seite wohnt aber nicht alleine im biologistischen, sondern in allen fundamentalistischen Erklärungsmodellen die Gefahr der Willkür: Da die tatsächlichen Umstände und ihre Wechselwirkungen untereinander nicht erkennbar und deshalb gesetzt sind, lässt sich weder ein Weg der Einflussnahme erarbeiten noch gewählte Werkzeuge auf ihre Wirksamkeit überprüfen, denn der zu Grunde liegende Fundamentalismus macht jede auf seiner Basis aufgebaute Argumentation willkürklich. Deshalb kann er als Grundlage dienen, um nahezu alles zu begründen und zwar aus der Innensicht des jeweiligen fundamentalistischen Denksystems heraus plausibel – darin liegt seine systemimmanente Gefahr.

In einem biologischen Fundamentalismus richtet sich die Reaktion gegen das Objekt der biologischen Verfehlung und damit gegen den Körper oder die Körper einer angeblich biologisch abgrenzbaren Gruppe der Gesellschaft. Das ist logisch konsequent, denn wenn Biologie das Problem ist, dann ist der Körper als Träger des Problems der richtige Ort, mit einer “Lösung” anzusetzen.

Macht man Sozialisation dagegen zum Fundament, ist eine Anknüpfung an den Körper unplausibel, denn hier besteht dann ja kein Problem. Vielmehr ist der Träger der Sozialisation das Gedachte und das Kommunizierte, das sich zur Sozialisation verdichtet und sich wiederum in Entscheidungen und Strukturen niederschlägt. Nur weil damit der Körper aus der Schusslinie ist, muss das ganze für das Individuum aber nicht weniger gefährlich sein, denn auch hier kann die fundamentalistische Willkür viel Schaden anrichten.

Beispiel: Eine Frau, die einen wenig emanzipierten Lebensweg einschlägt und der klassischen Rolle der Hausfrau und Mutter an der Seite eines Mannes folgt, mag dies aus freiem Willen tun. Genausogut ließe sich aber verargumentieren, ihr Wille beruhe vielmehr auf patriarchalischer Sozialisation und wäre sie richtig sozialisiert worden, würde sie etwas anderes wollen, anstatt ihrer Diskriminierung und Definition über den Mann das Wort zu reden. Diese These (die mir übrigens so begegnet ist) ist weder verifizier- noch falsifizierbar. Zum einen beruht sie selbst auf dem Sozialisationsfundamentalismus. Zum anderen kann sie nicht zwischen freier Wahl und Sozialisationsopfer unterscheiden und muss – will sie kein offensichtliches Glücksspiel sein – eigentlich voraussetzen, dass keine Frau aus freiem Willen jemals einen entsprechenden Lebensweg einschlagen würde. Und so ist es dann nur noch ein kleiner Schritt, die diskriminierte Frau zu ihrem Glück zu zwingen.

Ich bin mir recht sicher, dass ich damit die Ursache eingegrenzt habe, warum mir die gesamte Grundlage des modernen Feminismus Bauchschmerzen bereitet.

@laprintemps fragt:

Ist es eine Ablehnung gegen den Begriff Feminismus oder gegen die Inhalte?

Es sind nicht die Inhalte des feministischen Diskurses – einige davon sind sehr bedenkenswert, andere teile ich nicht, aber das ist so im Leben. Es ist auch weniger der Begriff, denn als Pirat kann ich natürlich gute Gedanken auch mit neuem Label wiederverwerten. Was in mir das mulmige Gefühl hervorruft, ist das fundamentalistische Begründungsmodell selbst.

Als letztes Beispiel dafür sei mit ein Verweis auf Antje Schrupps Blogbeitrag Einige Gedanken zum Prinzip der Rechtsstaatlichkeit gestattet – den Rant von Lantsch selbst lasse ich an dieser Stelle mal gnädig im Nebel der Geschichte verschwinden.

Wenn ich mir vorstelle, wie einfach jeder totalitäre Mensch solche Gedankenspiele für freiheitsfeindliche Interessen nutzen und ausbauen kann, ohne dabei etwas an Untersuchungsmethoden oder Argumentation ändern zu müssen, dann ist für mich offensichtlich, dass dem Sozialisations-Fundamentalismus genau wie dem Biologismus eine totalitäre Ader innewohnt. Der Grad ihrer Ausprägung hängt alleine vom jeweiligen Verfechter ab. Für die Begründung politischen Handelns ist die Argumentation daher strukturell untauglich.

Ein Kurzes Statement zur Quote

Bei der Quote habe ich nicht Bauchschmerzen, vielmehr halte ich sie für ungeeignet. Ihr Ziel soll sein, Sexismen zu überwinden, indem durch die Installation von Frauen andere Rollenvorbilder geschaffen werden. In meinen Augen erreicht sie jedoch das Gegenteil – sie stärkt gesellschaftlichen Sexismus.

Nicht nur, dass eine Quote selbst unmittelbar diskriminierend wirkt. Noch viel schlimmer ist, dass sie bei vielen Betroffenen sexistische Reflexe hervorruft und Sexismus so mittelbar stärkt. Da wären “die Männer”, die sich gegenseitig beim hierachischen Aufstieg ausstechen müssen, während Frauen, die im Regelfall ja weniger zahlreich vertreten sind, über eine (scheinbar) bequeme Überholspur verfügen. Eine bessere geistige Vorlage für Vorwürfe wie Quotenfrau, Frauen sind inkompetent, werden aber bevorzugt oder auch Frauen sind das schwache Geschlecht, weniger durchsetzungsstark und als Mann nimmt man auf sie Rücksicht kann man kaum machen. Und daneben gibt es auch Frauen, die sich durch eine Quotierung nicht bloß herabgesetzt, sondern auch von dieser zum Teil missionarisch vorgetragenen Forderung du bist Frau und musst dir jetzt die Informatik-Studiengänge, die Parteiliste und die Dax-Führungsspitzen erkämpfen, bevormundet sehen. Schon deshalb ist eine Quote failed by design – und da ist es völlig egal, ob sie nun in der freien Wirtschaft oder der Piratenpartei Anwendung finden soll.

Hinzukommt, dass sie sich eigentlich mit dem Konzept Geschlechtsidentität != biologisches Geschlecht nur schwer vereinbaren lässt. Knüpfe ich nämlich für eine Quote an das biologische Geschlecht an, dann verwehre ich demjenigen, der sich als Frau fühlt, eben jenes Recht auf die freie Wahl der Geschlechtsidentität. Stelle ich dagegen auf die Identität ab, wird es zukünftig vermutlich mehr biologische Männer geben, die eine Privilegierung durch die Frauenquote einfordern. (Wobei das natürlich auch eine neckische Entwicklung wäre…)

Und noch ein Wort zur oben postulierten Nichtüberprüfbarkeit von Werkzeugen: Die Quote ist dafür ein gutes Beispiel: Hat sie beispielsweise bei den Grünen etwas gebracht? Also mehr als paritätisch besetzte Ämter – das ist ja nicht das eigentliche Ziel – sondern ein Aufbrechen von Rollenbildern? Je nach persönlicher Meinung kann man sich hier viele Beispiele und Gegenbeispiele um die Ohren hauen – ohne aber den Hauch einer Chance auf wirkliche Erkenntnis zu haben.

Alternative Untätigkeit?

Ich bin überzeugt davon, dass eine Quote schlechter wäre als Untätigkeit. Trotzdem: Etwas besseres als Quote oder Untätigkeit wäre noch besser – denn dass hier erhebliches gesellschaftliches Verbesserungspotential besteht, sehe ich ebenso. Nicht nur, weil das irgendwie gerecht und deshalb gut ist.

Jeder Mensch, der sich auf Grund sozialen, wirtschaftlichen oder politischen Druckes von Tätigkeiten, die er wirklich kann, bei denen er motiviert und voller Elan ist, abwendet oder dem die Chance verwehrt wird, sie überhaupt zu ergreifen, ist ein Verlust.

Ein Verlust für diesen Menschen aber auch ein Verlust für die Gesellschaft als Ganzes. Ein Mann, der sich glücklos im Erwerbsleben aufreibt, obwohl er viel lieber Kinder erziehen würde, eine Frau, die Gender-Studies studiert, anstatt Fussball zu spielen, ein Schwuler, der keine Kinder erzieht, weil ihm die gesellschaftlichen Homophobie Knüppel zwischen die Beine wirft, ein intelligenter junger Mensch, der Burger wendet, weil er keine ökonomische Basis für ein Studium hat: Sie alle sind unglücklicher, als sie es sein müssten und mit jedem Einzelnen geht der Gesellschaft auch Potential verloren, gut zu sein und besser zu werden.

Wenn wir uns für einen Moment von Geschlechterverhältnissen in Vorständen, rosa Kleidung, Männern sowie Frauen, die wie optische und intellektuelle Klone herumlaufen und den übrigen Abziehbildern von role-models lösen und ein Stück zurücktreten, dann können wir vielleicht eine Verbindung zwischen diesen Problemen erkennen.

Die Orientierung an Rollenvorbildern lässt sich nicht verhindern – sie ist dem Menschen als sozialem Wesen, das überwiegend durch Nachahmen (Kopieren) lernt und sein Handeln und Denken an sozialem Feedback justiert, immanent. Zu einem Problem wird das aber, wenn sich die Hoheit über das soziale Feedback hierachisch konzentriert, wie dies im gegenwärtigen Mediensystem von Film über Fernsehen bis zu Aufbau und Auswahl von role-models in der Starkultur der Fall ist. Dann werden immer dieselben Argumentationsmuster und Abziehbilder der Realität kommuniziert und in marktwirtschaftlicher Logik soweit verflacht, bis sie möglichst wenig Widerspruchspotential bieten:

Bitte schalten Sie nicht ab, es gibt einen erfolgreichen Mann mit einer schönen Frau, ein wenig Intrigen und ein wenig Untreue, aber am Ende steht das heterosexuell-monogame ewige Glück. Außer für diesen untreuen, bösen Typen, der Frauenherzen bricht, der kriegt seine gerechte Strafe. Scripted Reality.

Dass beispielsweise Liebe nicht Ausschließlichkeit voraussetzt und auch weder auf Heterosexualität noch Zweier-Konstellationen beschränkt ist? Much too complex. So schwindet Vielfalt in den transportierten Bildern und mit ihr auch die Vielfalt in der Gesellschaft, die sich daran zu orientieren sucht.

Das Organisationssystem Hierarchie ist auch ein zentrales wirtschaftliches Element. Firmen sind hierachische Organisationen, das schreibt das Gesetz sogar so vor, und je größer eine Firma wird, desto mehr geht das soziale Element, das man-kennt-sich, verloren. Die Hierarchie fordert einen ständigen Konkurrenzkampf und befördert leider ausgerechnet jene Menschen nach oben, die sich in Machtkämpfen am besten behaupten können – und das geht umso besser, je weniger selbstreflektiert man sich selbst in Frage stellt und je weniger Rücksicht man nimmt.

Zugespitzt: Für Spasemacken, die sich – von sich selbst voll überzeugt – nach oben durchbeißen, sind die Hürden leichter zu nehmen als für einen intelligenten und sozialen Menschen, der zu selbstkritisch und zu sozial ist, um Konkurrenz einfach auszuschalten. Oder um es mit der 211. Erwerbsregel der Ferengi zu sagen:

Angestellte sind die Sprossen auf der Leiter zum Erfolg. Zögere nicht auf sie zu trampeln.

Hierachie

Traditionelle Hierachie, von Danja Schaap, cc-by-nc-nd 2.0

Dieses System liegt vielen Menschen nicht – und daher werden sie ausgegrenzt. Um mich in die Führungsspitze eines Dax-Konzerns hochzukämpfen, bräuchte ich stärkere masochistische Tendenzen, als um mich allabendlich auspeitschen zu lassen. Wobei es scheint, als würden Männer sich im Schnitt in einem solchen System besser zurechtfinden als Frauen. Da kann man jetzt wiederum anknüpfen und sich fragen, ob das biologische oder soziale Ursachen hat und ob hierachische Systeme patriarchalisch sind – ich lasse das aber, weil es erstmal keine Rolle spielt.

Denn als ein System einer starren und nicht selbstgewählten Über- und Unterordnung ist eine Hierachie immer latent strukturell diskriminierend.

Wenn aber ein gesellschaftliches System einen großen Teil seiner Mitglieder von der Teilhabe ausschließt, dann ist das System buggy – und nicht die Menschen. Und eine Quote ändert daran genau gar nichts – eine Frauenquote fördert beispielsweise nur jene Frauen, die ebenfalls über einen entsprechenden Machtinstinkt verfügen. Wenn sie den nicht haben, werden sie in eine Position gehievt, an der sie die Spielregeln nicht beherrschen und sich deshalb nicht aus eigener Kraft selbst behaupten können. Dort fungieren sie dann als belächeltes Feigenblatt – als Quotenfrau.

Equalismus als gesellschaftliche Plattformneutralität

@mspro schreibt über Das politische Denken der Piraten:

Es ist also eigentlich ganz einfach: Die Piraten verstehen die öffentlichen Institutionen als Plattformen, die Teilhabe ermöglichen. Und auf jede dieser Plattformen fordern sie diskriminierungsfreien Zugang für alle, weil sie im Internet erfahren haben, dass sich nur so Wissen und Ideen – und damit auch Menschen – frei entfalten können. Die Plattformneutralität steckt als abstraktes Konzept hinter allen Forderungen der Piraten, denn sie steckt tief in dem Denken eines jeden Netzbewohners. Die Plattformneutralität ist somit ein abstraktes Konzept, wie es die “Nachhaltigkeit” für die Grünen ist. Es ist ein völlig eigenständiger Politikansatz aus dem sich für fast jeden Politikbereich Lösungen generieren lassen.

Wenn wir in diesem Sinne denken, dann dürfen wir uns nicht an zahlenmäßigen Unterschieden zwischen Mann und Frau festbeißen, sondern wir müssen das System selbst in den Fokus nehmen, damit es plattformneutraler wird. Feminismus kann das auf Grund seiner einseitigen Fixierung nur auf Geschlecht und nur auf das weibliche, nicht leisten. Equalismus dagegen lässt sich hervorragend am Konzept der Plattformneutralität andocken und kann dabei mehr einschließen als allein die Genderfrage: Equalismus könnte Plattformneutralität im gesellschaftlichen Sinne sein, eine interdisziplinäre Grundstruktur, die viele Bereiche durchwirkt.

Ich bin mir nicht sicher, ob @Afelia diese Redewendung geprägt oder kopiert hat, jedenfalls habe ich sie glaube ich von ihr das erste Mal gehört:

Die Piraten bieten nicht ein Programm an, sondern ein neues Betriebssystem.

Das klingt recht harmlos nach iOS5, aber wenn wir es mal auf die Ebene ziehen, auf der es eigentlich spielt, dann bedeutet das: Die Piraten stellen die Systemfrage. Und im Angesicht der Probleme vor denen wir stehen und der Unfähigkeit der Institutionen und Strukturen, diese anzugehen, bleibt auch nichts anderes übrig.

Ein Gedanke zum Spielen: Wo könnten wir als Gesellschaft stehen, wenn wir nicht in allen gesellschaftlichen Schlüsselbereichen – von Politik über Wirtschaft (inkl. Finanzmärkte) bis zu den Medien – die Positionen nach einer Systemlogik besetzen würden, die soziales Verhalten abstraft und egoistisches Machtstreben belohnt?

Und bevor mir jetzt @laprintemps sagt, Weltfrieden sei kein Lösungsansatz: Ich halte den Gedanken, das System Hierachie an vielen Stellen zu überwinden, nicht für eine Utopie, sondern für realistisch erreichbar. Nicht, weil wir Piraten unfassbare Superkräfte haben und wir sowas mit links erledigen. Die haben wir nicht. Aber wir haben eine mächtige Verbündete, die stetig für uns arbeitet: Die Evolution der Gesellschaft.

Die evolutionäre Auflösung von Hierarchien

Netzwerk

Netzwerk, burtonwood & holmes, cc-by-nc-sa 2.0

Das Konzept Hierarchie wird nämlich bereits (z)ersetzt und zwar durch das Konzept Netzwerk. Es hat damit begonnen, dass wir eine technische Netzwerkinfrastruktur geschaffen haben: Das Internet. Das Prinzip Netzwerk ist dann übergesprungen: Zunächst in den sehr techniknahen Bereich auf die Entwicklung von Software (Linux), dann auf die kollaborative Zusammenstellung von Wissen (Wikipedia) und auf die Kommunikation von Menschen untereinander (Social Networks). Den Kommunikationswegen wiederum werden letztlich alle Strukturen folgen. Politisch kann man zum Beispiel gegenwärtig beobachten, dass politische Bewegungen wie ArabSpring, RealDemocracia, OccupyWallstreet und auch die Piraten nicht mehr den national-hierarchischen und hierarchisch-politischen Logiken folgen, sondern dem Prinzip des Netzwerkes. In Sachen Geld wäre da Bitcoin zu nennen, das eine hierarchische Geldschöpfung durch eine netzwerkbasierte ersetzen will. Das ist eine gesellschaftliche Evolution die man nicht aufhalten, sich aber zur Nutze machen kann. Wir müssen ihr eigentlich nur die Türen öffnen und warten.

Netzwerk vs. Hierarchie

Spricht etwas dagegen, neben dem Konzept der Plattformneutralität auch das des Netzwerkes aus dem Internet in die Analog-Gesellschaft zu übertragen? Schließlich sind sowohl das Netzwerk als auch die Hierachie zunächst ganz universell lediglich Organisationsstrukturen. Stellen wir also mal Netzwerk vs. Hierarchie als weiteres abstraktes Konzept zur Plattformneutralität hinzu und schauen wir mal, was wir daraus für Lösungskonzepte ableiten können.

Medien

Die Folgen hierarchischer Kommunikation im Medienbereich habe ich schon skizziert: Verlust von Vielfalt, ein-dimensionale Darstellung der Realität, die Kopie einer Kopie einer Kopie der immergleichen Rollenbilder und Storyboards. Übrigens auch bei den künstlichen Images von Politikern.

Das netzneutrale Internet ermöglicht dagegen egalitären Zugang zur öffentlichen Kommunikation, zum sozialen Feedback und bildet so die Basis für den Transport vielfältigerer Rollenbilder.

Deshalb müssen wir auch kommunizieren, kommunizieren, kommunizieren – über uns. Nicht den Fefe machen und das im Großen Richtige für das kurzfristig (angeblich) Nützliche opfern. Dieser Artikel selbst ist – egal ob er auf Zustimmung oder Ablehnung stößt, politisch klug oder dumm, inhaltlich richtig oder totaler Schwachfug ist – einer von unzähligen kleinen Schritten von unzähligen Menschen dort draußen, die mediale Hierachie zu unterspülen.

Politisch können wir kommunikative Vielfalt durch Rechtssicherheit für Meinungsfreiheit, Netzneutralität, ein modernes Urheberrecht und eine nicht-hierachische Kulturförderung sichern, wie sie beispielsweise der CCC mit der Kulturwertmark entwickelt hat. Hinsichtlich der Ablösung des klassischen Fernsehens als exklusivem Kommunikationskanal ist IP-TV eine vielversprechende Entwicklung – zumindest wenn bei den abzusehenden großen Plattformen Google- und AppleTV die Content-Neutralität zur Not gesetzlich gesichert wird.

Politik

Politik ist der Inbegriff von Kampf um Macht, Aufstieg in Hierarchien und Machtinstinkt. Und auch hier hat sich schon was getan: Wenn wir Liquid Democracy betrachten, dann knüpft es mit dem Delegations-Konzept genau an die Idee an, Meinungsfindungsprozesse nicht in hierarchischen Institutionen mit starren Zuständigkeiten, sondern in einem transparenten sozialen Netzwerk durchzuführen. So wird das Machtelement geschwächt und dynamisiert und unter soziale Kontrolle gestellt. Hiermit kommen Frauen scheinbar auch sehr gut klar – ich meine gehört zu haben, dass das Wahlprogramm der Berliner Piraten wesentlich von Frauen entwickelt wurde.

An dieser Stelle ist auch interessant zu lesen, was Fabio Reinhardt über die Existenz von Flügeln bei den Piraten geschrieben hat, nämlich dass unsere Netzwerkstruktur die Ausbildung von starren Flügeln – also einer hierarchischen Strukturierung – weitgehend verhindert oder abschwächt.

Wirtschaft & Soziales

Dem Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist die Plattformneutralität ebenfalls inhärent. Da ist RESET, dass für jeden Menschen eine Basis schaffen soll, von der aus politische, kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe möglich werden. Auch einige relevante Gender-Streitthemen wie die leidigen Unterhaltsfragen, lassen sich in diesem Rahmen zufriedenstellend lösen.

Auch unser Wirtschaftssystem können wir plattformneutraler gestalten. Da wäre der Abbau von Verwaltungs-Foo, der viele Menschen daran hindert, selbstbestimmt ihrer Tätigkeit nachgehen zu können, weil sie damit nicht klarkommen oder zuviel in Juristen und Verwaltungsexperten investieren müssten. Keep it simple. Was wäre mit einer standardisierten Staats-API und daran andockender, öffentlich entwickelter durchdachter, quelloffener Software alles zu erreichen? (Das würde auch ganz nebenbei eines dieser uneingelösten FDP-Versprechen umsetzen…)

Wir können auch die Arbeitgeber/Arbeitnehmer-Klassierung überwinden. Wenn wir durch eine Steuerreform alles Einkommen gleichstellen, egal woher es stammt und die Gesundheits- und Pflegeversorgung steuerfinanzieren, wie es bspw. diese unterstützenswerte LQFB-Initiative vorsieht, kommen wir einer strukturellen Gleichstellung zwischen abhängiger und selbstständiger Arbeit ein gutes Stück näher.

Kombiniert mit einem Rechtsrahmen für kollaborativ-soziale Firmenstrukturen, einer Zurückführung des Urheber- und Patentrecht auf ein gesundes Maß in Kombination mit einer Welpenschutzklausel, damit Innovationen nicht juristisch von den Großen plattgemacht werden können, eröffnet das ganz neue Möglichkeiten, sich wirtschaftlich zu verwirklichen – und zwar für möglichst viele Menschen.

Fazit

Mein Vorschlag daher: Hierarchie und Quote sind beide sowas von Eighties. Lassen wir die Grünen (und andere Parteien) die Quote forcieren. Wenn es wider Erwarten was bringt – auch gut.

Konzentrieren wir uns währenddessen darauf, Equalismus als eigenständiges Konzept gesellschaftlicher Plattformneutralität aufzubauen. Mein erstes grundlegender Ansatz dahingehend ist – wo immer möglich und sinnvoll – das Konzept Hierarchie durch das Konzept transparenter und neutraler Netzwerke zu ersetzen, um Macht dynamischer zu verteilen, zu egalisieren und teilweise aufzulösen. Das ist in meinen Augen ein systematischer Ansatz, der hinsichtlich des verfolgten Zieles ein viel breiteres Potential hat als eine Frauenquote – und der sich in das rational-systematische politische Denken, das ich bei den Piraten sehe, gut einfügt.

Abspann

Ich liebe mein Geschlecht, Steffi Reichert, cc-by-nc-nd 2.0

Traditionelle Hierachie, Danja Schaap, cc-by-nc-nd 2.0

Network, burtonwood & holmes, cc-by-nc-sa 2.0

And with a little help from my friends…

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16 Responses to Equalismus als gesellschaftliche Plattformneutralität (und ein bisschen Feminismus)

  1. Cassandra says:

    Okay, und nach diesem Text der jetzt lang den neuen Begriff “Equalismus” sehr, sehr allgemein aufbaut, meine Frage:

    Wo kann man den jetzt was Konkretes bei den Piraten dazu sehen? Und wenn man das noch nicht kann, dann kommt mir das hier sehr danach vor, Vorschusslorbeeren für ein Konzept einheimsen zu wollen, welches sich noch gar nicht bewährt oder gar mal praktisch ausprobiert wurde.

    Und ganz ohne Sarkasmus: Ich wäre ehrlich interessiert daran, dass sich Piraten jetzt mal in die verschiedensten Diskussionen im Netz reinstürzen und ausprobieren, ob die Konzepte die sie entwickeln auch tatsächlich funktionieren.

    P.S.: Ich mag den “Rant” von Nadine Lantzsch zum Thema Rechtsstaatlichkeit.

    • konfekt says:

      Der hat doch konkretes geschrieben obwohl es ein neues konzept ist?

      • Cassandra says:

        Lass mich meine Anmerkung bzgl. der Konkretheit konkretisieren ;) :

        Es geht mir darum, dass es nützlich wäre, sich mal eine konkrete Diskussion im Nutz zu suchen (derer gibt ja viele) und in dieser das Konzept “Equalismus” unter realitätsnahen (weil realen) Bedingungen zu erproben.

        Autos bspw., nimmt man ja ihre Zuverlässigkeit nicht auch nur ab, weil das Konzept auf dem Papier so toll ist, sondern weil man jede Menge Crashtests durchführt und das Konzept dann entsprechend der Ergebnisse verbessert.

        Bevor ich also mein Vertrauen in das “Equalismus”-Konzept setze, hätte ich erstmal gerne ein paar (erfolgreiche) Crashtests gesehen.

        • Cassandra says:

          P.S.: und ich kaufe ein “e” statt einem “u”.

          Sorry, Tastaturen und ich waren noch nie beste Freunde.

        • Nun ich teile dein Bedürfnis nach praktischer Anwendung – aber Equalismus ist ja nun ein Ansatz, der sich erstmal konkretisieren muss – nennenswert diskutiert wird er ja eigentlich erst seit der Open Mind..

          Wie du allerdings Equalismus an einer “Diskussion im Netz testen” willst, verstehe ich nicht ganz. Es ist doch nicht das Ziel, Diskussionsanleitungen zu geben, sondern Systeme zu justieren. Zumindest ist das mein Ziel.

          • Cassandra says:

            Es kann natürlich auch einen anderen, besser geeigneten Testrahmen geben.

            Mir fiel beim Lesen des Textes einfach auf, dass mir der Punkt “Was kann Equalismus in der Praxis taugen” zu kurz kam und ich hatte den Eindruck es solle vermittelt werden, allein das Konzept eines Begriffes von Gerechtigkeit reicht schon aus um Gerechtigkeit auch umzussetzen.

            Du muss mir jetzt nicht alles erklären, wenn Du nicht möchtest, im Moment ist “Equalismus” für mich aber einfach noch nicht greifbar.

            Gibt es den Vorbilder im Netz zu eurem Konzept über die ich mich schlau machen könnte um einen besseren Eindruck von der ganzen Sache zu bekommen?

  2. Ah ich glaube ich verstehe. Equalismus ist kein fertiges Konzept das ich hier bewerbe sondern ist noch in einer frühen Konstruktionsphase.

    afaik ist es Ansatz von laprintemps (Julia Schramm), die damit Gender-Fragen aus der Feminismus-Ecke herausholen will – ein “Hack” wie sie es formuliert.

    Vorgestellt hat sie das vor ein paar Tagen auf der OpenMind, den Telepolis-Artikel dazu von ihr findste hier:

    http://www.heise.de/tp/artikel/35/35749/1.html

    Ich möchte den Begriff allerdings lieber an eine Grundströmung der Piraten andocken – die Plattformneutralität, wie mspro sie genannt hat – weil ich glaube, dass dies eine breitere Basis bietet.

    Eine konkrete Umsetzung der Plattformneutralität ist bspw. der fahrscheinlose Nahverkehr; die Frage die sich stellt, wo sind Anknüpfungspunkte für eine “gesellschaftliche Plattformneutralität”, die ich unter den Begriff Equalismus fassen will.

    Und da sehe ich dann eben die Organisationsstruktur Hierachie auf Grund ihrer negativen Effekte – der fem. Diskurs würde das vermutlich strukturelle Diskriminierung nennen. Konkrete Punkte habe ich daher erstmal nur als Ausblick angerissen in Medien, Politik und Wirtschaft.

    Ich stimme dir zu, dass es mit einem Gerechtigkeitsbegriff alleine nicht getan ist – aber es ist der Anfang. Ein Vorbild zum Konzept kann ich dir daher leider (noch) nicht bieten, aber ich hoffe, ich konnte dir Intention und Diskussionsstand verdeutlichen.

    • Cassandra says:

      Danke für die Erläuterungen.

      Mein Ersteindruck, dass hier Vorschusslorbeeren für ein noch unerprobtes Projekt eingeheimst werden sollen, relativiert sich so langsam.

      Ich bin jetzt vorsichtig gespannt wie sich die Equalismus-Sache bei den Piraten entwickelt.

      Wird es denn, wie bspw. bei der Spackeria, auch wieder einen Blog dazu geben?

      Auf diesen Eintrag bin ich zwar auch übers Rumsurfen über Piratenblogs-und twitter gestossen, allerdings fände ich eine zentrale Anlaufstelle irgendwie praktischer. … Ist vielleicht aber auch nur meine Bequemlichkeit. ;)

  3. Ja, diese Nummer mit der zentralen Anlaufstelle ist halt nicht so einfach, wenn man sich nicht zentral organisiert ;) Aber du wirst sicher alles Wesentliche zum Equalismus mitkriegen, wenn du auf Twitter laprintemps folgst und das Kegelclub-Blog in Reader packst ;-)

    http://kegelklub.wordpress.com/

  4. laprintemps says:

    <3 Danke. Das bringt die Sache echt voran <3

  5. Pingback: Die Piratenpartei und der Feminismus: Ein offener Brief « Alles Evolution

  6. LordSnow says:

    ups, da ist durch die Einbettung des links irgendwas schief gelaufen, bitte meinen vorhergehenden Post löschen.

    Stimme dir auf jeden Fall grundlegend zu, sehe auch ein wesentliches Problem in den Hierarchien an sich, die aufgebrochen werden sollten. Falls du es noch nicht gesehen hast schau dir mal capitalism a lovestory an, da werden 2 Unternehmen (glaube ein Maschinenbauer und eine Bäckerei) gezeigt, die sich direktdemokratisch organisieren, sehr interessant, anderes Beispiel aus dem Vereinswesen Fortuna Köln, da habe ich auch ein Auge drauf, wie sich das entwickelt. Wo ich nicht ganz so viel von halte ist das delegated voting, aber da hatten wir ja schon miteinander diskutiert ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, für mich baut das nur wieder neue Hierarchien und noch härtere Gatekeeper auf, aber gut ist ja hier nicht das Thema.

    Bei der Argumentation zur Frauenquote, du sagst ja selbst es gibt einen Missstand, nur du bist nicht der Meinung, dass die Frauenquote diesen mildern/beseitigen kann, gehst sogar soweit zu sagen sie würde schaden. Ich bin der Meinung die Argumente bis auf eines die du gegen die Frauenquote anführst sind im Artikel und in den Kommentaren von 3 (Piraten-)Missverständnisse zur Frauenquote recht gut sachlich entkräftet. Was für mich als neues Argument heraus sticht: “Und eine Quote ändert daran genau gar nichts – eine Frauenquote fördert beispielsweise nur jene Frauen, die ebenfalls über einen entsprechenden Machtinstinkt verfügen. Wenn sie den nicht haben, werden sie in eine Position gehievt, an der sie die Spielregeln nicht beherrschen und sich deshalb nicht aus eigener Kraft selbst behaupten können. Dort fungieren sie dann als belächeltes Feigenblatt – als Quotenfrau.”

    Das ist natürlich ein recht stechendes Argument. Man darf aber nicht vergessen, dass es von einem starren System ausgeht, es beachtet nicht, dass die sog. “Feigenblätter” etwas nachhaltig strukturell verändern könnten, wenn sie einmal in die Positionen kommen Dinge verändern zu können.

    Aber grundlegend stimme ich dir wie gesagt zu, das ganz große Problem, was es anzugehen lohnt sind die Hierarchien aufzubrechen und neue unmittelbarere Formen der Beteiligung/Einflussnahme zu ermöglichen, so dass auch nicht nur Frauen, sondern genauso andere (Minderheiten ;-) ) ohne Meister im Ellenbogenausfahren zu sein eine realistische Chance haben etwas zu erreichen.

    Viele Grüße
    René

    • Hi René,

      Danke für deinen Kommentar & den Hinweis auf capitalism a lovestory, das kannte ich in der Tat noch nicht!

      Da du auch verzichtet hast auf LQFB einzugehen, tue ich das auch mal, und wir bleiben mehr On Topic ;-) Zu den 3 Missverständnissen:

      Die argumentieren teilw. am Kern des Problems vorbei, bspw. was die Diskriminierung v. Männern angeht. Ob das rechtlich zulässig ist oder nicht oder ob ich eine moralische Rechtfertigung dafür finde oder nicht sind für mich unbedeutende Fragen. Die Kernfrage ist doch, wie es wirkt.

      Und Menschen haben die Tendenz, die Ursache für eigene Fehler und Fehlschläge anderen zuzuschieben, insbesondere anderen Bevölkerungsgruppen, bevorzugt an äußeren Merkmalen erkennbaren Minderheiten. Sei es “Der Jude*, der die Welt im Würgegriff hält” oder “Der Ausländer, der unsere Jobs klaut” etc. Dieses Verhalten kriegst du aus Menschen vielleicht niemals heraus, jedenfalls aber nicht mehr solange wir noch leben. Also sollten wir vermeiden Anlass zu einer solchen Kategorisierung und Schuldzuweisung zu geben – insbesondere, wenn es uns gerade darauf ankommt, einer Kategorisierung in bestimmte Gruppen entgegenzuwirken. Und es scheint doch das Ziel zu sein, die Kategorisierung in Geschlechter auf die Bereiche zu beschränken, in denen sie relevant ist – primär also beim vögeln, so man nicht bisexuell veranlagt ist.

      Das vorausgeschickt liegt doch auf der Hand, dass ein Mann verführt sein wird, die Gründe für seine Nichteinstellung in einer politischen Diskriminierung sehen wird. Und eine moralische Herleitung, warum diese legitim sei, wird ihn daran – wenn er sie überhaupt kennen sollte – nicht hindern. Und mit diesem Frust läuft er herum, diesen Frust reproduziert er in seinem sozialen Umfeld, diesen Frust projeziert er, mindestens unbewusst, auf Frauen, das privilegierte Geschlecht.

      So, und wofür das alles? Für den Glauben an die Richtigkeit von zwei aufeinander getürmten Hypothesen.
      Hypothese 1, Frauen sind weniger in Spizenpositionen vertreten, weil sie so sozialisiert sind,
      Hypothese 2, diese Sozialisation lässt sich durch einen “Anschub” durchbrechen.
      Beide Hypothesen sind Gedankenmodelle, letztlich entzieht sich der Wirkungszusammenhang aber einer sicheren Erkenntnis.

      Antje Schrupp spricht mir in diesem Zusammenhang aus der Seele wenn sie schreibt:

      Trotzdem: Als die Grünen vor über dreißig Jahren die 50 Prozent-Quote für alle Parteiämter einführten, war das zweifellos ein interessantes Experiment. Doch jetzt ist es Zeit zu fragen, ob es funktioniert hat. Und die Antwort ist wohl: eher nein. Überall, wo ich das Thema bisher mit grünen Frauen diskutiert habe, wurde mir versichert, dass die Quote nach wie vor bitter nötig sei. Denn ansonsten würde der Frauenanteil ruckzuck wieder sinken. Eine Erfolgsbilanz sieht anders aus.

      Zur Erinnerung: Damals, vor dreißig Jahren, war die Quote eigentlich nicht als Dauereinrichtung gedacht. Die Idee dahinter war, dass es so etwas wie einen „Anschubzwang“ brauche, damit Frauen überhaupt Chancen hätten, in die Gremien hineinkämen. Wären sie dort erst einmal in relevanter Anzahl vertreten, dann würden sie die Verhältnisse nach und nach so verändern, dass sie den Wünschen und den Interessen von Frauen näher kommen – und es keine Quote mehr bräuchte. Dann würden sich die Männer an die Anwesenheit von Frauen gewöhnen und sie schätzen lernen, auch ohne formal dazu gezwungen zu sein. Dann würde eine neue Kultur einziehen, junge Frauen hätten Vorbilder und würden sich daher mit größerer Selbstverständlichkeit auch selbst um Ämter bewerben.

      Aber genau das ist nicht passiert. Es war ein Irrtum, zu glauben, dass durch die Beteiligung von Frauen die ehemals von Männern für Männer geschaffenen Institutionen sich automatisch verändern würden. Denn die weibliche Differenz – also das, was Frauen an anderem einbringen wollen und können – ist nicht in den weiblichen Genen oder Hirnströmen angelegt, sondern entstammt einer anderen Kultur. Einer „weiblichen Kultur“, wenn man so will, und eben nicht einer „weiblichen Natur“.

      Das heißt: Frauen können ebenso schlechte Chefs sein, genauso marktradikale Ansichten haben, genauso autoritär auftreten wie Männer. Als rein formales Kriterium bewirkt die Quote hier sogar eine Negativauslese: Sie fördert solche Frauen, die ähnliche Werte und Ambitionen haben wie Männer, und die sich mit den Zielen und der Kultur der betreffenden Institutionen im Wesentlichen identifizieren.

      Ein weiterer Punkt ist soweit ich das sehe überhaupt noch gar nicht bedacht worden, nämlich die Frage der “Qualifikation”. Wenn wir von einer Quote sprechen wird argumentiert, Frauen mit gleicher Qualifikation sollen Männern bis zum Erreichen einer bestimmten Quote vorgezogen werden. Das klingt einfach, insbesondere weil wir das schon kennen: Es ist die Übertragung eines Prinzips aus dem Staate. Dort ließ sich das gut einführen, weil Staat aus rechtlichen Gründen (mal wieder Art. 3 GG) ohnehin gezwungen ist, den besten Kandidaten einzustellen und sich dabei an objektive Kriterien halten muss.

      In der freien Wirtschaft aber ist das völlig anders; dort werden soft-skills weitaus höher bewertet, ebenso die Frage der Sympathie, wie gut zu erwarten ist, mit einer Person zusammenarbeiten zu können. Das kann viel relevanter sein als die Note die auf irgendeinem Stück Papier steht – denn fachliche Dinge kann man lernen. Soft-Skills, Sympathie etc. kann ich aber nicht objektiv aufschlüsseln, ich kann sie nicht beweisen. Daraus folgt, dass eine Quote ein viel tiefergehender Eingriff in die freie Wirtschaft ist als gemeinhin angenommen. Denn all diese Kriterien müssten letztlich wegfallen – mit den entsprechenden Konsequenzen für das Team, das zusammenarbeiten soll. Und hier kann sich dann ja jeder mal selbst fragen, nach welchen Kriterien er ein Team auswählen würde, mit dem er etwas erreichen will.

      Und dann bin ich wieder bei “So, und wofür das alles?”. Mit der bekannten Antwort.

      * Bei “Dem Juden” gab es natürlich das “Problem”, dass ein Jude nicht äußerlich als solcher erkennbar ist; daher ja diese verquere arische Rassenlehre und als Notlösung und eigentlich einem impliziten Eingeständniss, dass die Rassenlehre Quatsch ist, der Judenstern.

  7. LordSnow says:

    Danke für das Zitat von Antje Schrupp, es ist wirklich gut ein wenig Einblick von Leuten aus erster Hand zu bekommen :-) . Ich stehe Quoten für Parteiämter auch selbst sehr skeptisch bzw. ablehnend gegenüber, weil es wirklich dazu führt, dass Leute in Positionen kommen für die sie nicht geeignet sind. An dieser Stelle würde ich sagen sind wir komplett einer Meinung.

    Ich sehe allerdings einen klaren Unterschied zwischen doppelten Parteiämtern und einer Bevorzugung bei gleicher Qualifikation für einen Posten in der Wirtschaft. Ich selbst bin Wissenschaftler an einer Universität und bei uns gibt es diese Regelung bereits, also für Frauen und Menschen mit starker Behinderung gilt eine Bevorzugung bei gleicher Qualifikation für eine ausgeschriebene Stelle. Ich sehe darin kaum einen Nachteil bzw. kenne ich auch niemanden in meinem Arbeitsumfeld, der dies irgendwie negativ empfindet bzw überhaupt mal im Ansatz kritisch angesehen hat. An einer Technischen Universität ist es sogar Recht schwer überhaupt weibliche Mitarbeiter zu finden, wir haben jedoch trotzdem eine starke Durchmischung, schätze die 30% haben wir. Ich kann nicht beurteilen, wie es jetzt ohne Quote aussehen würde, aber insgesamt bin ich der Meinung die Quotenregelung hat einen positiven Einfluss. Auch der vermeintliche psychologische Effekt, den du vermutest, dass Männer frustriert sein könnten, habe ich so noch nicht erlebt, auch nicht das Empfinden als “minderwertige” Quotenfrauen. Ich denke jeder bei uns ist für das Problem ausreichend sensibilisiert, dass es Frauen ohne Hilfe häufig schwerer haben und deshalb empfindet man diese Hilfe auch als legitim. Nun sind wir natürlich nicht repräsentativ, insbesondere nicht für die hohen Führungsbereiche in Unternehmen, wo das Arbeitsklima sicherlich häufig viel schlechter ist, aber ich könnte mir zumindest vorstellen, dass es positive Wirkungen haben könnte, selbst wenn man die Quote nicht sofort wieder abschafft und auch immer ein gewisser Ermessensspielraum vorhanden ist bei der Beurteilung ob Personen für eine Position ungefähr gleich gut geeignet sind. Die Quote an sich verstehe ich dabei auch als eine Art Sensibilisierung, so dass man eher bereit dazu ist die bisherigen Strukturen aufzubrechen, weil sie sehr eingefahren und unflexibel sind und einem bewusst ist, dass dies manchen Menschen grundlegend Chancen verbaut.

    • Du siehst einen Unterschied zwischen Parteiamt und Wirtschaft, aber du begründest diesen nicht. Ich sehe ihn ehrlich gesagt nicht, denn die Argumente und die angenommenen Ursachen und Wirkmechanismen sind dieselben.

      Mich allerdings verwundert, dass du niemanden kennst, der diese Regelungen negativ sieht. Ist das eine Annahme aus dem Bauch heraus oder hast du ernsthaft mit mehreren darüber gesprochen? Das soll kein Angriff auf dich sein, es liegt einfach nur total neben meiner Realität.

      Zugegeben, ich thematisiere solche Fragen sehr gerne (überwiegend bei Frauen, mit denen ich mich bevorzugt umgebe) und das Feedback ist vielfältig, die Tendenz überwiegend ablehnend. Ich habe schon häufig gehört, dass man keine “Extra-Hilfe” haben wolle und insbesondere diese Gleichsetzung “Frauen und Behinderte werden … bevorzugt” stößt auf, schließlich sei es keine Behinderung, eine Frau zu sein.

      Auch was die Wahrnehmung des Vorwurfes der “Quotenfrau” angeht, bin ich überrascht. Da braucht man sich doch nur ein wenig für im Netz umzugucken – und damit meine ich gar nicht mal die klassischen Trollgruben. Als ein Beispiel verweise ich mal auf Danisch und das, was er im Kontext von Zensursula und den Gesprächen der Provider mit dem Ministerium über über Frau von der Leyen & Co. schreibt:

      Ein drittes Problem war, daß das Ministerium, wie soll ich das jetzt formulieren, sehr „neo-industrie-feministisch” aufgestellt war. Es gibt so einen neuen Typ Karriere-Frau, den man schon äußerlich und am Auftreten erkennt. Teure Designer-Beton-Frisur, 40-60% zuviel Make-Up, immer derselbe Gesichtsausdruck, aggressive Gestik, Hosenanzug, den Blazer dabei meist eigentlich zu eng, weil’s figurbetont rüberkommen soll, hohe Absätze, Busines-Auftreten. Aggressive Sprechweise, rüpelhaftes Auftreten, muß die Nummer Eins spielen. Permanente Besserwisserei, sagt jedem, was er zu tun hat, hört aber niemandem zu. Kommunikation als Einbahnstraße. Hält die Frau für das überlegene Wesen und duldet Männer nur als niedere Gehilfen und Arbeiter. Ist fest davon überzeugt, daß sie allein schon als Frau und durch ihr hartes Auftreten einen Karriereanspruch hat, betrachtet es aber als Zeitverschwendung und Tätigkeit für Waschlappen, sich sachkundig zu machen. Hat damit Erfolg, ist unglaublich eingebildet, kommt sich ganz toll vor, hat aber eigentlich keine Ahnung wovon sie redet und merkt vor lauter Erfolgsbesoffenheit und Eigenbegeisterung nicht, wie lächerlich sie sich macht, weil sie den letzten Mist daherredet. Funktioniert meistens aber, weil sie ein Publikum um sich versammelt, das es überwiegend auch nicht merkt (oder sogar gut findet). Ursula von der Leyen ist ein Prachtexemplar dieser Gattung, aber ihre Mitarbeiterin, die diese Gruppe geleitet hat, war darin auch nicht schlecht. Man muss sich diese Art des Auftretens mal bewußt machen um zu verstehen, warum gerade aus von der Leyens Ecke die Forderung nach einer Frauenquote kommt. Das paßt ganz exakt zu der Sichtweise, daß Frausein, Businessfrisur, Hosenanzug und hartes Auftreten doch ausreichen müssen, um es ganz nach oben zu schaffen, in den Vorstand, ohne dabei irgendwelche hard-skills beherrschen zu müssen. Zuzugeben ist, daß man mit sowas durchaus Bundesministerin werden kann.

      Und man merkt diesen Leuten dann auch sehr deutlich an, daß sie Männern permanent mißtrauen und verwerfliche Absichten unterstellen. Und daß sie nie gelernt haben, fachlich zuzuhören und Argumente zu verstehen und abzuwägen. Realität, Technik, Argumente kommen in deren Erlebniswelt nicht vor. Das ist alles so ein Ich will, der andere will nicht, also muß man ihn dazu bringen zu wollen. Das sind eben diese typischen Kompromiss- oder Durchsetzungstanten, die ein Problem niemals lösen, weil sie es nie als Problem auffassen, sondern nur als geringerwertige Meinung anderer. Und so sind von der Leyen & Co. an das Problem herangegangen. Die waren von vornherein davon fest und unverrückbar davon überzeugt, daß das gehen muß, weil erstens die Norweger sagten, daß es geht, weil es zweitens in ihrer Vorstellung vom DNS als Webseitenproxy plausibel war, und weil drittens sie als Frauen – die mit dem Familiensorgeprivileg-Joker der Super-Mutti – die Sperre wollten, aber alle Kritiker der Sperre männlich waren. Und wenn Männer sagen, daß etwas nicht geht, dann ist das immer gelogen und hat im besten Falle chauvinistischen Hintergrund, hier aber ganz sicher deshalb, weil die Männer sich die uneingeschränkte Pornoguckerei nicht nehmen lassen wollen.

      Wenn also ein Mann daherkommt und sagt, das mit der Sperre geht aus diesen und jenen Gründen nicht, dann kann das aus deren Sicht nicht sein, daß es echte Gründe gibt, weil in Norwegen geht’s ja auch. Dann will sich der Mann entweder von Frauen nichts sagen lassen oder Kinderpornos gucken. Oder beides. Vor diesem Hintergrund muß man dann die Reden von der Leyens sehen, die sie damals abgelassen hat. Sie war felsenfest davon überzeugt, daß DNS-Server Webseiten blocken und Stopp-Schilder anzeigen können und hielt all die Kritiker für unfähige und unwillige Männer. Und Männer bringt man bekanntlich zu allem, indem man ihre Fähigkeit und ihre Männlichkeit in Abrede stellt. Deshalb ihre Reden, etwa die im Bundestag vom 26.3.2009, wonach es uns ein „krachendes Unfähigkeitszeugnis” ausstelle, wenn wir das nicht hinbekämen. Das war ganz konkret auf die an dieser Sache beteiligten Provider und die für sie angetretenen Leute bezogen, allesamt männlich.

      Dieser Sichtweise liegt ein ganz spezifisches Rollen- und Geschlechtsverhalten zugrunde: Sie wünscht – und sagt ja auch mehrfach, daß es „Ihr politischer Wille” sei, und die unteren Arbeiter und Dienstleister haben das gefälligst zu erfüllen und umzusetzen, ihren Wünschen nachzukommen. Daß dieses ganze Kinderpornotheater da im Ministerium von Frauen veranstaltet und von den Providern, die sie dazu zwingen wollte, nur Männer erschienen waren, störte von der Leyen kein bisschen. Während sie für Vorstände Frauenquoten fordert, findet sie es völlig normal und keiner weiteren Erwähnung wert, daß an der Erfüllung ihrer Wünsche, so wie das Implementieren von Pornosperren, nur Männer beteiligt wären. Es zeigte sich nämlich, daß die Frauen, die hier von Ministerium und BKA federführend waren, nicht die geringste Lust hatten, sich die Mühe zu machen, das Internet zu verstehen. Wenn es um Technik und die Implementierung geht, wird das durchaus als reine Männeraufgabe angesehen. Da will man keine Frauenquote. Ganz das Klischee, daß Frauen für das Wünschen und Bestimmen und die Männer für das Umsetzen, das Ausführen und die Sachkunde zuständig sind. Frau ist in keiner Weise gehalten sich zu überlegen, ob das, was sie wünscht, so überhaupt möglich ist.

      Ich will Danisch hier jetzt gar nicht unterstellen, er sei ein pöser Sexist, denn das ist er nicht. Vielmehr bin ich mir relativ sicher, das seine Einschätzung und Beschreibung schlichtweg zutrifft, denn es passt in das Bild, was ich ebenfalls schon gewonnen habe. Aber das ist der Nährboden, auf dem Generalisierungen wachsen – und Quoten schaffen eben genau diesen Nährboden.

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